ACHTUNG!

Diese Kurzgeschichte ist nicht unbedingt etwas für Zartbesaitete!

~ Cassiel ~

Inspired by the great book "AND THE ASS SAW THE ANGEL" by NICK CAVE

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PROLOGUE

An einem kalten Winterabend setzte sich der kleine Angus an den aus grauem Backstein gezimmerten Kamin und wärmte sich an den knisternd lodernden Flammen. Schon oft hatte er hier gesessen und in das flackernde Licht gestarrt, bis seine Augen brannten und er weiße Flecken vor sich tanzen sah – wie die Irrlichter auf dem nahe gelegenen Hochmoor.

»Großvater, bitte erzähl mir eine Geschichte! Aber es muss eine wahre sein!«

Der alte Mann, der es pflegte mit einer Tasse schwarzem Tee in dem mit olivgrünen Samt bezogenen Ohrensessel vor dem Kaminfeuer zu sitzen, die Tageszeitung zu lesen und dabei genüsslich an einer Zigarre zu ziehen, legte seine Zeitung beiseite, nahm seine alte Lesebrille ab und wandte sich seinem Enkel zu, der ihn mit erwartungsvollen Augen ansah.
»Nun gut, Junge. Dann setz dich auf meinen Schoß und ich erzähl dir eine Geschichte.«
Angus tat wie ihm gesagt. Der alte Mann überlegt kurz und fing schließlich an seinem gespannt lauschenden, kleinen Zuhörer zu erzählen…

»Vor etwa 50 Jahren – als ich ungefähr so alt war wie du – erzählte mir meine Großmutter eine Geschichte. Eine Geschichte über den Engel von Ducon Valley.
Es geschah alles in einem kleinen Tal im Westen des Landes. Dieses Tal war von Bergen umgeben, die bedeckt waren von riesigen Wäldern, und ein kleines Dorf lag im Herzen dieses Tals. Nur wenige Menschen lebten in diesem Dorf - war es doch beinahe abgeschottet von der Außenwelt. Einen Fußmarsch von zwei Tagen brauchte man, um in die nächste Stadt zu gelangen. Dennoch - oder vielleicht sogar deswegen - war es ein friedlicher Ort. Die Menschen waren zuvorkommend und höflich, ein jeder kannte jeden. Doch leider nahmen es nicht alle so genau mit der Ehrlichkeit und Frömmigkeit. Manche waren habgierig und beuteten die Menschen aus wo sie nur konnten. Sogar der Bürgermeister war darin verwickelt, versuchte es jedoch so gut es ging zu vertuschen. So wurde die Bevölkerung von einigen wenigen beherrscht und tyrannisiert.
Als Gott das bemerkte wurde er sehr zornig. Deshalb schickte Gott einen Engel – um diese schlechten Menschen zu finden und sie zu richten.«

»Und wie sah dieser Engel aus?«

»Nun, man erzählte sich einige hätten ihn gesehen, wie er nachts durch die dunklen Straßen und Gassen streifte. Er soll schwarze Schwingen haben – wie ein Rabe, und stechend rot glühende Augen. Doch niemand weiß es genau – denn die Menschen, die ihn je zu Gesicht bekamen, konnten davon nicht mehr berichten…
Irgendwann verschwand der Engel plötzlich, und die Menschen fingen an ihn zu vergessen.«

»Und wo ist der Engel jetzt?«

»Wer weiß…Vielleicht streift er ja heute durch unsere Stadt – auf der Suche nach Sündern, um sie vor dem allwissenden Gott zu richten…..«



CHAPTER I – THAT CREATURE ON THE HILL

Schwarze, bedrohliche Wolken schoben sich langsam und schweigend vor die klagende Sonne. Sie schluckten alles Licht und alle Wärme, wie gefräßige Bluthunde, sodass nur noch ein fahler Schein durch den Wolkenschleier schimmerte. Wie tonnenschwerer Zement drückte die einhüllende Dunkelheit auf das Tal - und die Köpfe der Leute. Ewige, alles verschlingende Dunkelheit…
Kein Laut war zu hören, kein Vogel wagte es auch nur seine Stimme für einen Moment zu erheben. Die pechschwarze Düsternis verschlang jeden Ton gnadenlos. Dichter Nebel schwappte wie zähflüssige Brühe über die schroffen Berge, um sich anschließend lautlos in die Talsenke zu ergießen. Erbarmungslose Kälte schlich sich über das Land und erstickte alles Leben mit seinen eisigen Klauen. Dieser kleine Flecken Erde war ein verdammt unwirtlicher Ort geworden. Doch das würde sich schon sehr bald ändern. Die Sünde wird bald aus diesem Tal vertrieben werden. Ihr werdet schon sehen… ihr werdet sehen…

Ein dünner Lichtstrahl brach durch die bleierne Wolkenschicht und schnitt die stickige Luft wie eine scharfe Klinge. Nur ein dünner, gleißender Strahl, der – wie von Gottes Hand selbst gelenkt – direkt auf das Wesen fiel. Dieses unheimliche, dämonische Wesen, dort oben auf dem Ducon Mountain. Jenes Wesen, das dort oben verachtend über das Tal blickte – mit seinen starren, kalten, und dennoch feurig glühenden Augen. Vom Licht gebadet, von Dunkelheit beseelt, von der Liebe verlassen…

»Nun stehe ich hier also, auf diesem gottverlassenen Berg. Stehe hier und starre auf dieses verfluchte Tal unter mir, auf diese blinden Seelen – verirrt, auf dem Pfad der Sünde taumelnd. Wer soll ihnen helfen wieder auf den rechten Weg zu finden – wenn nicht ich? Wer soll all die Ungerechtigkeit rächen – wenn nicht ich?
Ich habe mir mein Schicksal nicht ausgesucht, oh nein, oh nein…. Ich habe nicht darum gebeten. Meine kümmerliche Seele hat nicht danach verlangt. Meine durchdringenden Augen haben es nicht gefordert. Es wurde mir auferzwungen. Mein Schicksal wurde mir auferzwungen…«

»Ich habe viele Dinge in meinem Leben gesehen… schreckliche Dinge… Dinge, dessen Anblick ihr nicht ertragen würdet. Die euch das Blut in den Adern gefrieren lassen und eure Innereien zum Kochen bringen würden. Ich habe diese Dinge gesehen… und ich atme noch.
Gewandert bin ich, in der kargen Wüste der Verzweiflung, auf dem steinigen Pfad der Buße, im wirren Labyrinth der Schuld. Doch nun hat meine lange Reise ein Ende. Mein Ziel ist gesetzt, mein Wille gestärkt, ich bin bereit…«

Der Lichtstreif verschwand, das Dunkel triumphierte. Tag wird zu Nacht, Licht wird zu Schatten, Recht wird zu Unrecht. Die Düsternis ist des Frommen Feind und des Sünders liebste Tracht. Verschleiert sie doch seine Missetaten und bietet ihm den nötigen Schutz.

»Die Nacht war mir schon immer die liebste Tageszeit. Nur nachts konnte ich mich aus dem Hause wagen, ohne Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden. Konnte mit dem schwarzen Mantel der Finsternis die Straßen und Gassen gefahrlos entlang schlendern. Die silbrige Mondsichel weit über meinem Haupt glühend, die goldene Sichel bedrohlich in meiner Hand funkelnd. Bedrohlich für euch… Mein Name ist Cassiel [1] – spürt meine Last. «

Das Wesen verschwand so schnell, wie es gekommen war. Und die Dorfleute erlagen einem tiefen, behaglichen Schlummer. Schlaft nur, ihr braven Bürger. Bald werdet ihr den Schlaf fürchten…


[1] Engel; Wächter des siebten Himmels, der entscheidet wer den Himmel betreten darf, um zu Gott zu gelangen



CHAPTER II – ANGEL OF DEATH

Zur Morgendämmerung senkte sich der graue Nebel und das Dröhnen der ersten Sonnenstrahlen kündigte einen neuen Morgen an. Bald würde sich die Sonne in all ihrer rotgoldnen Pracht über dem Firmament erheben und die letzten Geister der Nacht endgültig vertreiben. Ein neuer Tag brach an. Und was für ein Tag. Ein letztes Aufbäumen der Herbstmilde, bevor sie sich dem gnadenlos eisigen Winter ergeben muss. Doch noch… noch sangen die Vögel ihre liebliche Melodie und die zirpenden Zikaden stimmten mit ein. Noch ästen die Rehe auf den Wiesen und wärmten sich die Dahlien an den letzten Sonnenstrahlen. Zumindest heute noch.
Nur noch der silbrig glitzernde Raureif erinnerte an den Frost der vergangenen Nacht. And den leisen Vorboten des Winters, der den Weg bereiten sollte für den vereisten Streitwagen des Cantor [2].
Alles in allem war es ein schöner Herbstausklang. Mal abgesehen von diesem Vorfall…

»Seht nur. Sie wachen auf. Diese Tölpel. Bald werden sie es finden. Zuhauf werden sie sich ringsum versammeln. Von hier oben sehen sie aus wie Ameisen. Kleine, fleißige Ameisen, die sich mit ihren rotierenden Fühlern begrüßen… Doch in Wirklichkeit schlagen sie ihre Hände über den Köpfen zusammen und jammern. Sie jammern, diese Tölpel. Beklagen die Gerechtigkeit, die ich ihnen gebracht habe. Bald werden auch sie gerichtet werden…«

Ein markverzehrender Schrei erschütterte die Schweigsamkeit des anbrechenden Tages und erweckte beinahe das gesamte Dorf. Er stammte von Dolores [3] Stone – der Metzgerfrau. Auf dem mit verwitterten Granit-Pflastersteinen bedeckten Marktplatz fiel sie auf ihre Knie – in ihrem besten Sonntagskleid, das mit den weißen Rüschchen am Saum und den in mühevoller Handarbeit aufgestickten Astern – und bedeckte ihr versteinertes Gesicht mit ihren rauen Händen.

Schon sah man Answald [4] Cornelius – den hiesigen Gemeindevorsteher – aus seinem prunken Anwesen stürzen. Gleich darauf den kleinen pausbackigen Errit [5] - im ganzen Dorf als rotzfreche Petze verschrien -, Rosaria [6] – die wunderschöne Tochter des Schmieds, die es verstand jedem Jüngling den Kopf zu verdrehen, John McRale, seine Frau Jessica, Jim Barnes von Barnes’ Haushaltswaren, Deputy Nics und Danny, David und Daniel – die drei Stakes-Brüder. So wuchs die schaulustige Menge Person für Person stetig an.
Alle strömten sie – teils nur mit Morgenmantel und Puschen bekleidet – auf den Marktplatz um die Ursache dieses ungewöhnlichen Lärms nachzugehen. Und so sahen sie es. Sie sahen es – doch konnten sie es bei Weitem nicht glauben.
Da lag Linus [7] Stone – der Dorfmetzger – leblos, mit aufgeschnittener Kehle und die Taschen voller Steine [8] . Eine dunkelrote Lache frischen Blutes umgab seinen Kopf und färbte die Pflastersteine in der Umgebung mit jener heimtückischen Farbe. Dolores warf sich über den Körper ihres toten Mannes und brach in schier unerträglicher Verzweiflung in nie versiegende Tränen aus. Ihr jämmerliches Schreien erschütterte das Tal und war noch weit in den sumpfigen Wäldern der Berge zu hören. Auch dort noch, wo Cassiel ausharrte und diese Szenerie des Grauens ruhig und gefasst beobachtete. Ein kleines Lächeln streifte seine schmalen, rissigen Lippen, als er - leise vor sich hinmurmelnd - den Nordhang des Berges hinab schritt, geradewegs auf seine kleine Hütte zu.

»Es hat begonnen…«

Das ganze Dorf hatte sich mittlerweile um den Leichnam und das wehklagende Weib versammelt. Ihre Gesichter erstarrt und regungslos. Niemand hob seinen Blick, niemand wagte etwas zu sagen. Es herrschte Totenstille. Selbst die Vögel verstummten, als wäre dies ein göttliches Zeichen, ein Omen für das Unglück, dass über diese Stadt hereinkommen sollte…
Ohne seinen Blick auch nur eine Sekunde von dem entsetzlich zugerichteten Körper zu wenden, erhob der Bürgermeister als Erster seine zittrige Stimme.
»Wer … nein, WAS – um Gottes Gnaden – ist denn nur zu solch einer abscheulichen, barbarischen Tat befähigt?!«
Stille. Alle starrten wie hypnotisiert auf das pulsierend ausfließende Blut und die stetig wachsende, scharlachrote Pfütze.
Plötzlich drängte sich der kleine Errit durch die Menschenmenge und erzählte mit hämischer Stimme »S’war bestimmt der Irre, der dort hinterm Berg n dem Kabuff wohnt. Hab’n gestern am Abend noch auf’n Berg stehn sehn, den Geisteskranken.«

Wieder stellte sich Stille ein. Sie wurde jedoch jäh von den tölpelhaften Stakes-Brüdern unterbrochen, die näher getreten waren um die Leiche genauer zu inspizieren.
David: »Seht nur! Der hat was ’n der Hosentasche!«
Daniel – der schmächtigste der Dreien – griff in die Tasche des Toten und zog ein völlig vergilbtes Stück Papier hervor: »’n Zettel! Da steht was druff.«
David: »Lies vor«!
Daniel: »Wie denn?! Kann ja gar net lesn«!
Danny: »Ach gib scho her du Schwachkopp! …. Da steht:«

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Tumult machte sich unter der Menge breit. Wilde Anschuldigungen, bespickt mit wirren Verschwörungstheorien brachen aus den Köpfen der vermeintlich Unschuldigen. Als würde ein Mörder über den Sinn des Lebens rezitieren, oder ein Sünder die Unschuld preisen….
Doch langsam schien sich der vorerst ziellose Hass auf eine Person zu zentralisieren: Cassiel.
Wie Parolen hallten bald Sätze wie »Hängt ihn, den Mörder« oder »Schlitzen wir ihn auf, so wie er es mit dem alten Stone getan hat« durch die Menschenreihen - immer lauter und bestimmter.

»So beruhigt euch doch bitte. Wir sollten niemanden verdächtigen ohne auch nur den Ansatz eines Beweises vorliegen zu haben« unterbrach Pater Adams den Aufruhr der Menge.
»Und ich sage, wir gehen zur Hütte dieses Hurensohns, überzeugen uns von seiner Schuld – und dann hängen wir diesen Bastard!« rief Grosvenor [9] den entzürnten Zuhörern entgegen.
Kaum ausgesprochen setzte sich der wütende Pöbel grölend in Bewegung – voran Grosvenor, der die Menschenmasse mit weiteren Verlautbarungen vorantrieb.

Cassiel bekam von der Verschwörung und der Schritt für Schritt näher kommenden Gefahr nichts mit. Mittlerweile hatte er seine Hütte erreicht. Wahrlich eine Bruchbude. Morsche Bretter – wild zusammengenagelt – hingen oft nur lose an rostigen Nägeln. Vermooste Wellblechplatten bildeten das äußerst löchrige Dach der Behausung. Ein provisorisches Fenster – ein einfaches Loch in der Bretterwand, mit Maschendraht bespannt und mit Pappe abgedeckt – zierte die frontale Seite der Hütte. Wilder, giftgrüner Efeu rankte sich die kahle Mauer hoch und lies diesen unansehnlichen Klecks immerhin ein wenig mit seiner Umgebung verschmelzen.
Das Innere der Hütte war spärlich eingerichtet. Ein wackliger Tisch aus Nussbaumholz vom Sperrmüll in der einen Ecke, zwei alte Obstkästen aufeinander gestapelt als provisorische Sitzgelegenheit, und eine schäbige Matratze in der anderen Ecke als Nachtlager. Mehr nicht.
Über dem Bett, auf einem vom unbändigen Rost zerfressenen Eisennagel, hing seine goldene Todessichel, mit der kunstvoll verzierten Schneide und dem mit schwarzen und goldenen Schnüren umwickelten Schaft. Eigenhändig hatte Cassiel einst die geheimnisvollen Worte in die Klinge eingraviert:


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Nacht für Nacht saß er an seinem Tisch und schärfte seine Sichel mit einem alten Wetzstein, den er einmal in der Mülltonne des alten Metzgers fand. Das gleichmäßige Geräusch des grauen Wetzsteins, der die glatte Klinge der Sichel entlang streifte, gab ihm ein beruhigendes Gefühl.
Nach getaner Arbeit rieb er die Schneide noch mit Schmieröl ein – um sie glänzend zu machen und vor dem Zahn der Zeit zu schützen – und überprüfte ihre Schärfe indem er mit seinem Finger die Klinge entlangfuhr. Nicht selten hatte er sich dabei geschnitten, sodass sein rechter Zeigefinger mittlerweile von Narben übersäht war. Bevor er seine Todeswaffe nun wieder an ihren angestammten Platz hing – über seinem Bett wie ein Damoklesschwert baumelnd – nahm er sie behutsam in seine linke Hand und murmelte leise die eingravierten Worte vor sich hin – mit den Fingern über die Gravur streichend um so die schroffen Einsenkungen und Erhebungen des Metalls zu spüren.

»Per manus dei, per manus dei, per manus dei….«

Oft beschmierte er sie dadurch mit Blut aus der schmalen Wunde seines Fingers – was dieser Todeswaffe aber nur ein noch erschreckenderes Antlitz verlieh.
Dieses Ritual wiederholte er nun Nacht für Nacht seitdem er sich in diese Hütte zurückgezogen hat. Das war wohl über 10 Jahre her…


[2] nordischer Gott der Kälte
[3] lateinisch: die Schmerzensreiche, Kummer, Unglück
[4] germanisch: Gebieter
[5] germanisch: der Streitbare
[6] spanisch: wunderschöne Rose
[7] griechisch: der Betrauerte
[8] Steine in den Taschen eines Toten sind (bei der Mafia) eine Warnung an andere, dass gestohlenes Geld den Tod bringt
[9] normannisch: der mächtige Jäger
[10] „per manus dei“ – lateinisch: durch die Hand Gottes



CHAPTER III – CASSIEL’S ESCAPE

Ohne Vorwarnung öffnete der Himmel seine düsteren Pforten und lies einen heftigen Regenschwall auf die durstige Erde nieder. Kein normaler Regen… Pechschwarzer Regen. Wie Teer überzog er die Straßen und Gassen, die Häuser und Kirchen, und die Menschen, die trotz des unwirtlichen Wetters draußen herumirrten. So auch die blindwütige Schar, die sich langsam und stetig einen Weg durch den dicht bewachsenen Pfad zu der kleinen Hütte am Berg bahnte.

Cassiel las gerade in seiner alten Bibel – das einzige, dass er aus seinem – wie er sagte – „früherem Leben“ mitgebracht hatte. Ein schönes Exemplar, mit kobaltblauem Leder und einem kunstvollen goldenen Kreuz am Einband. Trotz allem sieht man dem Buch den Verschleiß merklich an. Der dicke Lederband ist abgegriffen, die Blätter zerknittert und eingerissen, und die rote Schnur, die an der Oberseite des Buchrückens befestigt ist und als Lesezeichen dient, ist ausgefranst.
Am schlechten Zustand der Bibel erkennt man den gläubigen Christen, heißt es. Und das war Cassiel gewiss…

…Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt. Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße. Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron. Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertundsechzig Tage. Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen…

Es war seine Lieblingsstelle der heiligen Schrift. Er kannte sie in- und auswendig.

»Ob Gott mich auch wie einen seiner Erzengel sieht, die einst gegen das personifizierte Böse – gegen Luzifer selbst – gekämpft und ihn somit aus dem Himmelsreich vertrieben hatten? Wird er mir dieselbe Gunst und Anerkennung zu Eigen kommen lassen, wie zu Michael, Gabriel, Uriel oder Raphael? Bin ich nicht genau das – ein Engel, ein von Gott gesandtes Wesen, das geschickt wurde um dem Bösen Einhalt zu gebieten?
Wie lange ist es jetzt her, dass er mich auf diese wichtige Aufgabe vorbereitet hat? 10, vielleicht 12 Jahre? Ich erinnere mich noch daran als wäre es erst gestern geschehen…«

Plötzlich vernahm Cassiel ein seltsames Geräusch. Es war anders als die Geräusche, die man sonst hier hörte – die steten Laute des Waldes. Das durchdringende Zirpen der Zikaden, der schaurige Schrei des Habichtkauzes oder das Kratzen der Rotbuchenäste auf dem Dach der Hütte. Nein, dieses Geräusch war anders… Es klang fast wie Meeresrauschen. Zuerst leise, dann immer lauter. Und dann wurde es ihm klar – er musste hier verschwinden, und zwar so schnell wie möglich.
Hastig packte er die Bibel in seine Hosentasche, nahm die Sichel von der Wand und entschlüpfte durch den geheimen Hinterausgang der Hütte, den er vor Jahren hier angebracht hatte, als ihn einmal die Stakes-Brüder einen Besuch abstatteten. Sie waren damals betrunken und schlugen ihm mit grölendem Gelächter sein Gesicht blutig und verwüsteten sein wenig Hab und Gut.

Indes hatten die Dorfleute die tiefe Senke hinter dem Ducon Mountain erreicht und konnten Cassiel’s Hütte erspähen. Eilends hetzten sie auf die Baracke zu und traten die ramponierte Tür ein, die mit einem lauten Krach in das Hausinnere auf den Holzboden knallte und massenhaft Staub aufwirbelte, der wie Feenpuder durch die stickig modrige Luft flog. Der fahle Lichtstrahl, der durch die Türöffnung fiel, erhellte das schändliche Innere der Hütte nur spärlich.

Die neugierige Meute sah sich um. Entsetzt starrten sie auf das Elend dieser Hütte und hielten sich angewidert die Nase zu.

Jessica McRale kreischte »Oh mein Gott, wie kann ein Mensch hier bloß leben? Dieser Geruch ist ja widerlich!!«

Sie sahen sich um. Seltsame Satzfetzen in lateinischer Sprache waren in die alten Holzbretter der Wände eingeritzt.

„ Alleine streife ich durch die Düsternis um euch zu suchen – meine Opfer “

„ Mit meiner Sichel stehe ich ueber euch und werde ueber euch richten “

„ Ich trage das Kreuz ... “

„ Ich kann euch wieder sehend machen “

„ ... Kelch der Erleuchtung … “


Jim Barnes: »Der Kerl ist nicht mehr da. Anscheinend ist er durch das Loch dort hinten in der Hausrückwand geflüchtet.«

Grosvenor antwortete entzürnt: »Verdammt! … Los Leute, mir nach, er kann nicht weit sein. Wir kriegen diesen Bastard schon noch, keine Sorge…«

Pater Adams: »Schluss jetzt Grosvenor! Es reicht!«

Deputy Nics: »Pater Adams hat Recht. Es reicht jetzt. Wir haben weder Augenzeugen noch andere handfeste Beweise für die Schuld dieses Mannes. Wir können nicht jeden X-Beliebigen verdächtigen. Solange ich keine eindeutigen Beweise für die Schuld sehe, bleibt dieser Mord ungeklärt und dieser Kerl unschuldig!«

Grosvenor: » Aber Nics…!«

Deputy Nics: »Schluss! Wenn ich dich oder irgendjemanden noch mal in der Nähe dieser Hütte sehe, werdet ihr die Konsequenzen davon tragen müssen! Und jetzt gehen wir alle wieder nach Hause – es gibt hier nichts mehr zu tun!«

Brummend zog sich die Meute zurück. Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen, nur noch ein paar einzelne Tropfen erreichten die dürstende Erde. Kurz bevor die schäbige Baracke komplett hinter den Büschen und Sträuchern verschwand, drehte sich Grosvenor nochmals um und starrte erbost auf den Eingang, leise vor sich hinmurmelnd: »Ich weiß, dass du hier irgendwo bist… Versteck dich nur, Feigling, ich werde dich kriegen….«
Bevor der Deputy erneut ein mahnendes Wort an Grosvenor richten konnte, folgte dieser missmutig den anderen talabwärts. Und so wie der dunkle Regenguss verschwand, so verschwanden auch die Dorfbewohner und Ruhe kehrte wieder in diesem Fleckchen Wald ein…



CHAPTER IV – THE ORPHAN

Es war vor etwa 20 Jahren, als der alte Rob Lowe in einer heißen Juninacht im Schlaf aufschreckte. Ihm war als hätte er ein Geräusch gehört, draußen, auf seiner Veranda. Er stand auf, zog sich hastig seinen Morgenmantel und die Pantoffel an, und ging zur Tür.

»Wenn das wieder die Stakes-Bengel sind… Na warte, die können was erleben!«

Mit einem Ruck öffnete er die knarrende Eingangstür und blickte auf das, was da solch seltsame Geräusche von sich gab. Da lag ein Findelkind – eingehüllt in einen schwarzen Umhang – vor seiner Haustür und blickte mit großen Augen in die des alten Mannes. Es hatte keine Angst, es schrie nicht einmal, sie sahen sich einfach an, Sekunden, Minutenlang… Lowe sah sich um. Niemand war hier. Kein Abschiedsbrief der Eltern, nichts. Nur ein kleiner vergilbter Zettel lag neben dem Mantel mit der Aufschrift „Jacob“ [11] .

Und so kam es, dass der kleine Jacob in dem Hause Lowe aufgenommen wurde.
Es war nicht das erste Mal in diesem Dorf, dass ein Säugling verstoßen und ausgesetzt wurde. Inzest und uneheliche Kinder waren keine Seltenheit, und so wollte man – zumal man sich sonst Schande und Ächtung der Bevölkerungen gesichert hätte – diese ungewollten Nachkommen so schnell als möglich wieder loswerden. Nicht alle hatten dabei solch ein Glück wie Jacob. Einige wurden einfach im Wald ausgesetzt… die Wölfe taten das ihrige die Kinder verschwinden zu lassen.

Doch Jacob wurde von dem alten Lowe aufgenommen und liebevoll großgezogen. Er war ein ruhiges Kind, sprach kaum mit Menschen und verbrachte die meiste Zeit alleine. Er passte so gar nicht in dieses Dorf… Die Erwachsenen beluchsten ihn bei jedem seiner Schritte, sie verhöhnten ihn als Dummkopf und Nichtskönner. Und die Kinder beschimpften und hänselten ihn. Es ging sogar so weit, dass er die Schule nicht besuchen konnte, da er dort oftmals verprügelt und beklaut wurde. Deshalb brachte sein Ziehvater Lowe ihm das Lesen und Schreiben bei. Jacob verstand sich prächtig mit dem alten Herrn, der selbst wie ein Einsiedler lebte und auch so von den Dorfleuten behandelt wurde.

Eines Tages, als Jacob etwa 8 Jahre alt war und von seinen alltäglichen Streifzügen durch die Wälder der Umgebung zurückkam, blieb er wie angewurzelt auf der morschen Veranda des alten Hauses stehen. Er wagte es kaum sich zu rühren, sein Herz zersprang förmlich in seiner Brust und seine Nackenhaare sträubten sich – er wusste, irgendetwas stimmte nicht…
Minutenlang stand er einfach so da… Bis er all seinen Mut zusammennahm und langsam auf die Haustür zuschritt. Die Dielen unter seinen Füßen knarrten und ächzten, er öffnete die Tür und betrat das Haus. Sein Haus. Sein Reich, in das er sich zurückziehen konnte, das ihm Schutz und Geborgenheit gab... Er bog nach rechts und ging Richtung Wohnzimmer. Der Kamin war an, man konnte das Feuer knistern hören.

Rob Lowe saß in seinem alten Ledersessel vor dem Kamin, die Bibel in seinem Schoß und eine Tabakpfeife aus Mahagoniholz in seiner Hand. In dieser Hand. die neben der Sessellehne bleiern hinunterbaumelte.
Jacob trat näher. Das Gesicht des Alten – eine Landschaft aus Furchen und Falten; erbarmungslose Zeugen der Zeit. Seine stahlblauen Augen schienen ausdruckslos und leer. Tote Augen. Jacob würde ihren Anblick nie wieder vergessen.
Der einzige Mensch, der für ihn da war, der ihn umsorgte und beschützte, der einzige Mensch der ihn mochte ist tot. Tot… Er fühlte sich verlassen, er fühlte sich betrogen, er fühlte sich … alleine…
Er sah auf die Bibel. Eine Seite war noch aufgeschlagen. Er nahm das Buch und las die ersten Zeilen:

Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; auch das Buch des Lebens wurde aufgeschlagen. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war.

Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken.

Der Tod und die Unterwelt aber wurden in den Feuersee geworfen. Das ist der zweite Tod: der Feuersee.

Wer nicht im Buch des Lebens verzeichnet war, wurde in den Feuersee geworfen.

Seine Gedanken waren das reinste Chaos, in seinem Kopf pochte und hämmerte es. Er spürte wie sich Tränen den Weg über seine Wangen bahnten. Und sie brannten… sie brannten wie Feuer. Er dachte nur noch:

»Lauf Jacob, lauf!«

Und das tat er. Er lief. Weiter und immer weiter. Meter für Meter, Meile um Meile. Die herunterhängenden Äste der Bäume schlugen ihn ins Gesicht und hinterließen blutende Wunden. Doch er lief weiter… Solange, bis seine Füße Blasen warfen und er vor Schmerz an einer Waldlichtung zusammensackte und einschlief…


[11] hebräisch: Gott möge beschützen



CHAPTER V – BLASPHEMOUS BEAUTY

Cassiel kauerte – die Knie an seine Brust gezogen und den Kopf darin vergraben – zwischen dem Dornendickicht. Fast 3 Stunden sind seit dem Angriff auf sein Heim vergangen. Fast 3 Stunden – in denen er umhergeirrt ist, in den dunklen Wäldern des Ducon Valley. Bis er an diesen Platz kam, wo der Boden mit weichem Moos bedeckt war und sich Dornenbüsche in den Himmel rankten. Nun sitzt er in diesem Geflecht aus Zweigen und Stacheln, wie ein Kind in der schützenden Einsamkeit des Mutterleibes.

»Ich kann nie mehr zurück… nie mehr… Jetzt wo sie wissen wo sie mich finden, jetzt wo sie die Grenze in mein Reich durchbrochen haben kann ich nie mehr dorthin zurück… «

Cassiel sah sich um. Wie ein Baldachin rankten sich die dornenbespickten Äste über seinem Kopf und ließen von außen kaum Einsicht in sein lebendes Inneres.

»Jetzt wird das wohl mein Zuhause werden…«

Er legte sich auf die Seite, auf das weiche, feuchte Moosbett, und langsam glitt er hinüber in das Reich der Träume – seine liebste Zuflucht… Er träumte von damals, als ihn Gottes Stimme das erste Mal erreichte. Als er von Zuhause weglief, nur mit einer Bibel in der Hand… Als er noch Jacob hieß…



»Cassiel………………………….. Cassiel………… wach auf, Cassiel….«

Langsam öffnete Jacob die Augen. Er wusste nicht wo er war, noch wie er an diesen Ort gekommen war. Alles was er spürte war Schmerz, der durch all seine Glieder kroch. Und diese unerträglich kalte Leere.

»Cassiel, wach auf. Du hast noch viel zu tun.«

Ein gleißend weißes Licht erhellte die Lichtung und erfüllte sie mit Wärme.

»Wer bist du? Und wieso nennst du mich Cassiel?«

»Weil das dein wahrer Name ist, Cassiel.«

Jacob wusste nicht wie er sich verhalten sollte. Sollte er weglaufen? Sollte er sich wehren? Immerhin hatte er weder Angst, noch empfand er durch diese seltsame Stimme irgendeine Bedrohung. Er empfand nur… Geborgenheit…

»Cassiel, ich habe einen Auftrag für dich.«

»Wer bist du?«

»Ich bin der, der war, der ist und der immer sein wird.«

»………………………………..warum ich?«

»Weil du bereit dazu bist, Cassiel.«

»Bereit? Bereit wozu?«

»Mir zu helfen.«

»Ich soll dir helfen? Wieso würdest du meine Hilfe brauchen? Ich bin doch nur ein schwacher, unbedeutender Junge…«

»Nein Cassiel. Du bist ein Krieger. Das warst du immer schon. Und jetzt ist es Zeit dieser Bestimmung Folge zu leisten.«

»……….. was soll ich tun«

»Finde sie. Finde sie alle.«

»Wen soll ich finden?«

»Die Ungläubigen. Die Gesetzesbrecher. Die Barbaren.«

»Und dann?«



»………Töte sie.«

Cassiel schrak hoch. Verwirrt blickte er sich um. Die geheimnisvollen Worte dröhnten noch in seinen Ohren - „töte sie…. töte sie … töte sie….“. Langsam erinnerte er sich wieder… er war eingeschlafen, unter dem Dornenbaldachin. Er griff sich an die Stirn. Blut. Tiefrotes, warmes Blut. Er muss sich die Kopfhaut an den Stacheln aufgeritzt haben, als er aufschreckte… Vorsichtig schlüpfte er durch das Gebüsch um sich nicht noch mehr Wunden zuzuziehen, und wandte sich Richtung Osten. Er wusste, dass es hier in der Gegend einen kleinen Fluss gab. Als kleiner Junge war er oft dort um Frösche zu fangen oder kleine Schiffchen aus Nussschalen schwimmen zu lassen. Die Natur – ein einziger riesiger Spielplatz.

An jener Stelle verbreiterte sich der Fluss und wurde äußerst seicht. Das Wasser schlich gemächlich über das weiche Kieselbett. Größere Steine lagen verstreut im Fluss – als wären sie absichtlich von jemandem dort hingelegt worden. Herbstfarbene Blätter klebten an den nassen Steinen und Silberweiden säumten das Ufer. Ein wunderschöner Ort – wie aus einem Märchenbuch entsprungen.
Cassiel setzte einen Fuß nach dem anderen ins kühle Nass und kniete nieder. Er wusch seine Wunden sauber und ließ das eiskalte Wasser sein Gesicht hinunterlaufen.

Und Johannes verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Jäh wurde Cassiel von seinen Gedanken losgerissen, als er eine Stimme vernahm. Ein sanfter, lieblicher Gesang, wie er nur von einem Engel stammen konnte. Cassiel folgte dem Gesang wie von einer Sirene betört, flussabwärts, Richtung Tal. An einer Stelle wo der Fluss etwas tiefer war saß Rosaria – die junge Schmiedstochter – auf einem kleinen Holzsteg und ließ ihre zierlichen Füße im kühlen Wasser baumeln.

»Ich wollt ich wär’ ein Vögelein
ein wunderschönes gar.
Ich flög zu meinem Liebsten
und bliebe viele Jahr.

Ich würde für ihn singen
manch schöne Melodie.
Und alle meine Worte
klängen wie Poesie.

Doch ach, mein Geliebter
ist weit entfernt von mir.
So sitz ich an dem Bächlein
und träumte er wär’ hier.«

Cassiel versteckte sich hinter einer Silberweide und lauschte ihren bezaubernden Gesängen. Doch plötzlich überkam ihm ein Schauder, als er eine zweite Stimme hörte. Eine ihm wohl bekannte Stimme. Wie ein unaufhörliches Echo hallten die schrecklichen Worte in seinen Gedanken wieder.

»Töte sie… Töte sie … Töte sie…«

»… Was? Warum soll ich sie töten? Dieses wunderschöne Wesen kann doch nichts Schlechtes getan haben?«

»Sie ist eine Hure … Ist eine Hure … Ist eine Hure…«

Cassiel stockte der Atem. Er wusste nicht was er tun sollte – worauf sollte er hören? Sollte er dieses engelsgleiche Geschöpf tatsächlich umbringen? Er hatte schon einen Menschen getötet… Doch beim alten Stone war es anders. Er wusste, dass dieser die Sünde auf sich geladen hatte. Er hatte es mit eigenen Augen gesehen, als Linus die Geldscheine aus der Tasche nahm. Von seinem engsten Freund… Doch hier… Cassiel kannte das Mädchen schon seit seiner Kindheit. Sie war schon damals das schönste Mädchen des ganzen Dorfes. Und so wie jeder Junge erlag auch Cassiel ihrem Liebreiz und ihrer Schönheit… Und jetzt sollte er sie kaltblütig töten? Sie einfach hinterrücks erdolchen?

»Cassiel….«

Er wusste weder ein noch aus. Seine Gefühle fuhren Achterbahn, in seinem Kopf drehte sich alles. Er musste sich an einem Ast festhalten um nicht umzukippen. Cassiel’s Gedanken hämmerten in seinem Schädel – er wollte nur noch aufwachen. Aufwachen aus diesem Alptraum. Diesem nie enden wollenden Alptraum…

»Cassiel. Sie ist eine Sünderin. Töte sie! Tu deine Arbeit, Todesengel…Töte sie für mich.«

Rosaria hielt inne als sie ein seltsames Flüstern vernahm. Sie drehte sich um und suchte die Umgebung mit ihren stahlblauen Augen ab. Und nur ein paar Meter entfernt, hinter einem Baum, entdeckte sie ihn… Cassiel. Sein Gesicht angsterfüllt, seine Augen geschwollen, stand er da, hielt sich an einem Weidenast fest und starrte sie an.

»Hey, du! Ist alles in Ordnung mit dir?«

Er reagierte nicht. Er stand immer noch regungslos da und starrte. Starrte in ihre tiefen, alles durchdringenden Augen.

»Wie heißt du denn? Kannst du nicht sprechen?«

Cassiel spürte wie etwas Warmes auf seine Lippen tropfte. Er schmeckte Blut. Dann wurde es schwarz…



CHAPTER VI – JUDGED

Langsam öffnete Cassiel seine pechschwarzen Augen. Er sah Rosaria, wie sie neben ihm kniete und ihm die Stirn mit einem nassen, kühlen Tuch abtupfte.

»Gott sei Dank bist du wieder bei Bewusstsein. Ich dachte schon du hättest dir den Kopf angestoßen…«

[»Cassiel…… Cassiel«]

»Du warst ganz schön lange bewusstlos… «

[»Töte sie, Cassiel«]
»Sag mal, woher hast du die Narben an deiner Stirn und deiner Hand?«

Cassiel verdrehte die Augen, sein Kopf schien zu bersten. Er setzte sich auf und hielt sich den Kopf, als würde er versuchen die Stimme aus seinen Gedanken auszusperren. Er kroch auf allen Vieren zum Fluss und tauchte sein Gesicht in das eisige Wasser. Seine Gefühle vereisten, er spürte nichts mehr. Nur das Wasser, das ihn umspülte.

»Was wenn ich so bleibe… mit dem Kopf im Wasser. Die Luft anhaltend, bis mir schwarz vor Augen wird. Wenn ich mich einfach hinüberdriften lasse, in das Reich der Stille. Ich wäre erlöst, ich wäre befreit. Ich wäre nicht mehr allein mit meiner Last…. Doch wäre die ewige Verdammnis besser als diese Hölle auf Erden? Würden nicht Selbstmörder auf immer im Fegefeuer brennen, selbst wenn sie Boten Gottes sind? Nein, ich kann mich nicht verstecken… nicht vor ihm, und nicht vor meinem Schicksal….«

Cassiel zog seinen Kopf aus dem Wasser und schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Jeder Atemzug brannte wie Feuer in seinen Lungen.

»Ist…. alles ok mit dir?«

Er hielt inne und schwenkte seinen Kopf in Rosaria’s Richtung und nickte ihr zu. Dann stand er auf und ging langsam in ihre Richtung – anfangs noch etwas wackelig, doch schließlich immer sicherer und bestimmter. Rosaria lächelte ihn aufmunternd an, doch er ging an ihr vorbei… zum Weidenbaum, an dem er in Ohnmacht gefallen war. Ohne von seinen Gedanken abzuschweifen hob er seine Sichel auf, die neben einer Wurzel im hohen Gras lag.

»Per manus dei, per manus dei….«

Er drehte sich um und blickte zu Rosaria. Seine Augen funkelten als er langsam auf sie zuschritt, die Sichel fest umkrallt.

»Was, was hast du vor?«

Er hob die Sichel über sein Haupt….

»Nein, tu das nicht! Ich flehe dich an!«

Cassiel schloss die Augen, die Sichel sauste hinunter und schnitt ihr tief ins Fleisch. Ihr Flehen verstummte. Blut, Blut überall. Dieses einst so wunderschöne Mädchen lag nun vor Cassiel’s Füßen, blutverschmiert, leblos, tot.
Doch nein, so war es nicht… Denn als Cassiel die Augen öffnete kniete Rosaria immer noch vor ihm und sah ihn mit flehenden Augen an. Kein Blut, keine Wunde, nichts…

»Das kann nicht sein,… Ich… ich hab gespürt wie die Sichel durch ihr Fleisch ging!«

Er stach zu, wider und wider, doch die Sichel ging durch sie hindurch, als würde sie durch Luft schneiden.

»Was, was hat das zu bedeuten?«

»Sie ist gerichtet.«

»Gerichtet?«

»Sie hat für dich gebetet, als du ohnmächtig warst. Sie hat ihre Sünden bereut und ist nun frei.«

Cassiel starrte in ihre Augen, die noch immer starr vor Todesangst waren. Sie zitterte am ganzen Leib.

»Du…. bist frei.«

Er drehte sich um und verschwand im dichten Wald.



CHAPTER VII – HEART BLOOD

Dunkle Schattengestalten huschten von Baum zu Baum, versuchten mit ihren langen dürren Krallen ein hilfloses Opfer zu fangen und zu verschleppen. Widerliche Fratzen, mit glühenden Hörnern und gespaltener Zunge. Der Wald schien Ohren zu haben. Überall Geraschel, Gezischel, Geschrei. Aus den Astlöchern triefte schwarzes Blut, der Boden bedeckt von giftigen Nattern. Wie sie sich schlängelten, ineinander, als wäre es nur ein einziges riesiges Untier. Der Himmel blutrot, als würden die Engel aus tausenden Wunden bluten. Jeder Schritt zaghaft, jeder Weg ungewiss, auf diesem weichen, sumpfigen Boden. Er hatte sich verlaufen. In diesem riesigen Wald, in seinem Wald, den er von Kindesbeinen an durchstreifte und ihm als Zuflucht und Entdeckerparadies diente. Dieser riesige Wald, der im Frühling voller Leben war, immergrün und idyllisch, und jetzt so Furcht einflößend wirkt, mit seinen kahlen, düsteren Bäumen. Immer weiter, immer tiefer dringt Cassiel in den Forst hinein. Immer schneller pocht sein Herz, immer flacher werden seine Atemzüge. Angstschweiß steht ihm auf der Stirn. Er fühlt sich verfolgt. Verfolgt von tausenden Bestien, beobachtet von tausend Augen, belauscht von tausend Ohren. Das Dornengestrüpp wurde immer dichter, die scharfen Stacheln zerrissen ihm die Hosenbeine, zerfetzten seine Haut. Er stolperte über eine dicke Baumwurzel, fiel auf die Knie und rammte sich zwei riesige Dornen in die Handflächen. Der Schmerz war unerträglich, doch trotzdem blutete es nur leicht. Die Dornen schienen die Wunde wie ein Pfropf zu verschließen. Er zog die Stacheln aus seinem Fleisch – sein Schmerzensschrei erfüllte die Dunkelheit. Er war der Ohnmacht nahe…

Weiter Cassiel, weiter, nicht liegen bleiben, nicht aufgeben, sonst ist es vorbei. Schritt für Schritt, Meter um Meter, irgendwo wird es ein Ende haben, irgendwo wird sich ein Ausgang finden. Da! Da vorne! Wo Licht durch das Dickicht scheint!

Cassiel rannte, das Ziel vor Augen, dem Licht entgegen. Mit seiner Sichel schnitt er sich einen Weg durch das Unterholz, zerhackte die Äste, zerhieb die Dornenbüsche und taumelte und stolperte ins Freie...



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